Wir betrachten Gewalt nicht ideologisch, wie viele andere es tun. Mit unserer 20 jährigen Arbeitserfahrung wissen wir, dass Gewalt initiativ von Männern und Frauen verübt wird. Wir halten jede andere Aussage für den zweifelhaften Versuch, die Geschlechter in “moralisch gut” und “moralisch verwerflich” zu unterteilen.
Es ist uns völlig gleichgültig, wieviele Täter oder Täterinnen im Hellfeld angetroffen werden, denn diese Zahlen sind nur ein ca. 20% Ausschnitt aller verübten Gewalttaten. Die meiste Gewalt findet im sogenannten Dunkelfeld statt und wird gar nicht erst erfasst. Jedoch ist jede Gewalttat eine zuviel.
Von daher richtet sich unsere Arbeitsweise an alle gewalthandelnden Personen – unabhängig von ihrem Geschlecht.
Die Unterscheidung zwischen Hell- und Dunkelfeld ist wichtig, da viele Täter-Programme im so genannten “Hellfeld” eingesetzt werden, und nur sehr wenige im “Dunkelfeld.”
Die jeweilige Realität wird – auf Berater- wie auf Täterseite – sehr unterschiedlich wahrgenommen:
So haben Täter oder Täterinnen im Dunkelfeld zwar auch Angst vor einer Strafverfolgung, kommen jedoch aus primär eigener Motivation in eine Beratung oder in ein Täterprogramm. Dort erwarten sie Vertrauen und Respekt.
Täter aus dem Hellfeld (also der Polizei oder den Justizbehörden bekannte Täter) nehmen an Täterprogrammen teil, um Bestrafungen abzuwenden, Bewährungsauflagen zu erfüllen oder die Strafe an sich zu verringern; sie erleben die Therapie als Zwang, als Bestrafung. Sie verschließen sich und werden misstrauisch.
Diese Unterschiede in der Motivation der Klienten schlagen sich auch in der Ausgestaltung der Trainings oder Programme und im jeweiligen professionellen Verständnis der Beraterinnen und Berater nieder. Hier nun zuerst der Versuch einer genaueren Beschreibung.
Wenn häusliche Gewalt hauptsächlich im Dunkelfeld (ohne Kenntnis der Strafverfolgungsbehörden) oder gar im doppelten Dunkelfeld stattfindet, so müssten sich Täterprogramme oder Täterberatungsstellen sinnvoller Weise genau dort orientieren, um Klienten und Klientinnen zur Aufnahme einer Beratung zu motivieren. Doch das geschieht in der Regel nicht.
Gemeinhin wird gedacht, dass Gewalttäter nur oder hauptsächlich durch eine polizeiliche Verfogung und die Auflage eines Trainings zu erreichen wäre.
Eine Annahme, die schlicht falsch ist, aber gängigen Klischees entspricht.
(Immerhin wurden bereits in den 90er Jahren – also vor dem Gewaltschutzgesetz- in einer Stadt wie Hamburg pro Jahr mehrere Hundert Klienten beraten, die aufgrund der Niedrigschwelligkeit des Angebotes “von sich aus”, also in primärer Motivation in die Beratung kamen).
In der “Hellfeld-Arbeit” übt man jedoch durch Androhung von Strafen bei der Verweigerung einer “Beratung” Druck auf gewalthandelnde Menschen aus, die sich selbst häufig gar nicht als Täter oder Täterinnen sehen, sondern vielmehr als “Opfer der Situation” begreifen.
Werden solche Menschen nun in ein Training geschickt, um einer Bestrafung durch Gefängnis oder einer Geldstrafe zu entgehen, so werden sie einem solchen Training sich selbst keineswegs öffnen, sondern schnell “sozial überangepasstes Verhalten” zeigen: Sie werden “erraten”, was die Beraterin oder der Berater hören möchte, und genau das werden sie dann berichten.
Beratungen im Hellfeld sind so “zwangsläufig” immer durch ein ernormes Misstrauen der Klienten und der Berater und BeraterInnen geprägt. Dieses gegenseitige Misstrauen wird sogar noch verschärft, wenn die Berater oder Beraterinnen das Opfer der Gewalthandlungen mit in den Beratungsprozess (z.B. als Kontrollinstanz) einbeziehen.
Wie würden Sie, geneigte Leserin oder geneigter Leser reagieren, wenn Sie unter diesen Bedingungen zu einem “Trainingsprogramm” genötigt würden?
Wären Sie einsichtig? Hätten Sie Vertrauen zum Berater oder zu der Beraterin? Oder wären Sie “gehorsam”?
Und würden Sie auf weitere Gewalt verzichten?
Oder würden Sie vielleicht Ihre Partnerin oder Ihren Partner noch mehr mit Gewalt einschüchtern, wenn er oder sie damit drohen würde, bei erneuter Gewalt zur Polizei oder zu den entsprechenden Beratungsstellen zu gehen?
Beratungen im Dunkelfeld sind hingegen nicht von induziertem Misstrauen gekennzeichnet. Hier werden völlig andere und wirksame Interventionen möglich, da der Berater oder die Beraterin in die Lage versetzt wird, ein Vertrauensverhältnis jenseits der Kontrolle gegenüber den Klient(inn)en aufzubauen.
