Auf der Homepage “die Gesellschafter” ist heute die Kurzfassung dieses Artikels abgedruckt.
Hier gibt es die Langfassung:
Der Artikel, auf den sich unsere Analyse bezieht, ist im SPIEGEL erschienen, und hier zu finden…Sie alle kennen mittlerweile Lothar Kannenberg, denn es ist schwer bis unmöglich, ihm nicht irgendwo während der letzten Wochen in den Medien begegnet zu sein.
Im Spiegel-Artikel: „Schei nach Grenzen” wird deutlich, wie erschreckend dünn das Konzept seines Trainingscamps für Gewalttäter dem Grunde nach ist. Kaum geht es in der im SPIEGEL beschriebenen Diskussion um die Nachhaltigkeit pädagogischer Inhalte, zieht er sich auf die Position zurück, „nur ein Boxtrainingscamp” zu leiten und blendet aus, dass er einen staatlichen Erziehungs- und Resozialisierungsauftrag wahrzunehmen hat.
Lothar Kannenberg war selbst kriminell und er ist seit vielen Jahren Boxer. Auf seinem Weg zurück in die Gesellschaft hat er sich im Rahmen einiger Wochen-Kurse als „Anti-Gewalt-Trainer” ausbilden lassen und gründete bereits sein zweites – staatlich finanziertes – Projekt für gewalttätige Jungen, für sogenannte “Intensiv” oder “Mehrfachtäter”- also durchaus für sehr gefährliche Zeitgenossen.
Seine Arbeitsweise ist – trotz gegenteiliger Beteuerung – schlicht die eines leicht gemilderten „Bootcamps”auf die Zeit von nur 6 Monaten angelegt. Sie besteht in einer Mischung aus Übervaterinszenierung, geradezu mörderischem Tagesablauf, „Überlebenstraining”, Disziplin, Liegestütze, heissen Stühlen, Anbrüllen und Boxen. Selbst das Bundesverdienstkreuz nennt Kannenberg schon sein Eigen – verliehen allein aufgrund seiner Biographie und eben weil ein „Projekt” für gewalttätige Jungs ins Leben gerufen hat.
Wie kommt es , dass ein ehemaliger Boxer aus dem Rotlichtmillieu mit seiner „Pädagogik” in Zeitungen, Talkshows und Filmbeiträgen protegiert wird, und zu Vorträgen an Unis und in vielen politischen Gremien geladen wird, um über seinen Umgang mit Gewalttätigen zu berichten?
Die Logik ist gleichzeitig genau so banal wie erschreckend einleuchtend.
Es gibt heute zwar nachweislich viel weniger Gewalttaten als noch vor zehn Jahren, jedoch wird immer mehr angezeigt.
Zudem läuft aufgrund omnipräsenter Videokameras jeder Gewalttätige heute Gefahr, sein Tun anschließend in fernsehreifen Bildern dokumentiert zu sehen. Diese werden dann in vielen Sendern gezeigt, weil sie eines erreichen: Sie machen Angst! Angst erhöht die Aufmerksamkeit und die Einschaltquote. Es ist genau so wie bei einem Krimi…
Die Gesellschaft reagiert erst mit Angst und dann mit Rachsucht. Gewalttätige müssen gezwungen werden, ihre Taten zu bereuen.
In der Tat: Gewalt ist erschreckend, und die Täter müssen gestoppt werden. Auch stimmt, dass hauptsächlich männliche Jugendliche diese Taten begehen. Dies ist durch zahlreiche Studien belegt. Viele Medien-Redaktionen entdecken jedoch scheinbar jetzt erst, dass junge Männer im so genannten Hellfeld die Täter sind, und kommen zu der – in Fachkreisen bereits seit fast 20 Jahren verbreiteten – Erkenntnis, dass die Gewalt offenbar etwas mit der Geschlechterrolle zu tun haben muss. Sie titeln deshalb negativistisch mit „ Die isolierten
Macho-Schläger” oder glauben gar „Jungen auf Feindfahrt” zu erkennen…
Das männliche Schläger ein ziemlich absurdes Männerbild haben, dem sie nacheifern, ist nicht neu, doch auf diese Weise wird ein negatives mediales Zerrbild „des Männlichen an sich” konstruiert und zementiert, mit dem letztlich alle Männer und Jungen zu allgemeinen Repräsentanten des Bösen gemacht werden.
Dass 99% Prozent aller Jungen und Männer nicht gewalttätig sind, jedoch>>> gesellschaftlich und als Migrantenkinder vor allem bildungsbezogen heute vom Beginn ihres Lebens an an benachteiligt werden, ist in offiziellen Studie zwar nachgewiesen, findet jedoch keinerlei Berücksichtigung in der gesamten Diskussion.
Jetzt werden „Box-” Und „Überlebenstrainings” zu „Anti-Gewalt-Projekten” stilisiert , und die dort abgebildete Härte bildet das Pendant zur Rachsucht der Gesellschaft. Brüllorgien auf sogenannten heissen Stühlen und Liegestütze im Dreck lassen sich einfach sehr gut bebildern, vor allem, weil die Klienten nicht weglaufen können, ohne gleich im Knast zu landen.
Die Klienten sollen aushalten, und das lernen sie. Die Devise lautet:
Nur Härte hilft, das Aushalten jeder Kränkung wird belohnt. Installiert wird ein Prinzip, das aus Befehl und Gehorsam besteht, nicht aber aus eigener Persönlichkeit.
Die Bilder, die das Boxcamp den Medien liefern kann, sind überzeugend – Einschaltquoten werden so garantiert und schon von daher gibt es für das „Projekt” erstmal viel Aufmerksamkeit der Medien, dann viel Geld für die Arbeit und dann welches für die Forschung und Spenden zudem.
Wie kommt es, dass allein die zutiefts männlich traditionelle, gefährliche und reaktionäre Biografie eines Lothar Kannenberg in den Augen vieler scheinbar für die Arbeit mit gewalttätigen Jungen mehr qualifiziert als jedes psychologische oder pädagogische Studium, jede therapeutische Ausbildung, jedes tragfähige und ausgereifte pädagogische Konzept?

Die Biografie entspricht eben genau dem Härte- Klischee, das unsere Bevölkerung offenbar von ihren Männern erwartet. Ein richtiger Mann ist hart gegen sich selbst, und er kann sich auch zur Not gewalttätig wehren.
Er muß gefährlich sein, um gleichzeitig den perfekten Beschützer zu mimen!
Allein Kannenbergs Biografie zieht Bundespräsidenten, Landes”väter” und die Kanzlerin derart in ihren Bann, dass sie – obwohl sie gebildete Personen sind – letztlich einem zurtiefst traditionalistischen Männlichkeitsbild huldigen oder gar nachzueifern versuchen, in dem sie sich für Marketingzwecke gleich mit Lothar Kannenberg im Boxring ablichten lassen, wie es Roland Koch getan hat.
So wird ein “Box-Projekt” zur staatlich alimentierten “Pädagogik aus dem Bauch heraus”, mit Hundertausenden aus Steuergeldern finanziert.
Unsere Prognose ist:
Die angekündigte staatich finanzierte universitäre Evaluation des „Boxtrainings” wird eine mehr oder minder hohe Rückfallquote jenseits der 50% Marke nachweisen.
Nach der Evaluation steht die Gesellschaft jedoch schon wieder auf dem selben Erkenntnisstand, auf dem sie jetzt bereits in ihrer Ideenlosigkeit vor sich hin dümpelt. Mit nur einem markanten Unterschied: Es ist dann „wissenschaftlich evaluiert” dass es gegen das „Böse im Männlichen” nicht mal ein funktionierendes Box-Trainings-Rezept gibt.
Andere Institutionen warten seit vielen Jahren darauf evaluiert zu werden. Doch sie arbeiten weniger spektakulär und deshalb bekommen sie weder Aufmerksamkeit noch Gelder.
Lothar Kannenberg wird irgendwann erkennen müssen, dass er heute beim Hype um ihn und sein Projekt politisch einfach nur benutzt wurde.
Gibt es denn gar nichts Gutes an Lothar Kannenberg und seinem Projekt?
Doch: Lothar Kannenberg bietet den Jungen etwas, was sie wirklich dringend brauchen. Eine männliche Bezugsperson, die eben auch emotional präsent ist. Weil diese Jungs eine solche präsente Person nie erlebt haben, und sich viele Pädagogen zudem hinter ihrer vermeintlichen Professionalität verstecken, himmeln die Junges einen wie Lothar Kannenberg geradezu an.
Viele Strömungen in der Pädagogik der letzten Jahrzehnte haben in fataler Weise dazu geführt, dass Profis eben nicht gelernt haben, sich emotional als Bezugsperson anzubieten, wirklich Grenzen zu setzen und vor allem Männer dazu zu motivieren, mit Jungen geschlechtsorientiert zu arbeiten.
Eine Erziehungswelt, in der gesellschaftlich nach wie vor die Frauenquote als einzig sichere Übergröße protegiert wird, gibt keinem Jungen ein Vorbild, wie man als Mann in der Gesellschaft wirklich leben kann.
Lothar Kannenberg bietet sich an.
Sein fataler Leitspruch heisst: „sich durchboxen im Leben”. Das Motto spricht Bände: Das Leben ist für ihn ein permanenter Kampfplatz, auf dem Man(n) in altbekannter Machoweise brutal sein muss, um überleben zu können.
Doch der jetzige Hype um Projekte, deren Methodik häufig nicht einmal mit dem ersten Artikel des Grundgesetzes in Übereinstimmung zu bringen sind, hat etwas Gutes. Er zeigt in einer nie bekannten Deutlichkeit, dass unsere Gesellschaft offenbar noch keine Veränderung ihres völlig reaktionären Männerbildes wirklich will.
Wenn wir die gewalttätige Jungen in Bootcamps schicken, wenn wir sie zahllosen selbsternannten und berufsfremden Anti-Gewalt-Trainern anvertrauen, die ihr spektakulären Methoden in wenigen Wochen erlernt haben, verhalten wir uns etwa so verantwortungsbewusst wie jemand, der seit Tagen Schmerzen im rechten Unterbauch hat und sich von daher entschließt, einen Bekannten zu bitten, ihn zu operieren – mit der Begründung: Der Bekannte ist schließlich auch am Blinddarm operiert worden und war bei seiner OP dabei war.
Solange wir Jungen und Männer offensichtlich so benachteiligen und sie nach Gewalttaten zu Monstern stilisieren, denen nur mit Härte zu begegenen ist, werden wir ihnen nicht helfen, aus der Gewalt auszusteigen und ein neues, ralistisches positives Männerbild mit Leben zu füllen. Dazu braucht es einfach ein deutliches Mehr an Wissen und therapeutische Qualifikationen.
Was in der Arbeit zählt und immer zählen wird, um Jungen wirklich zu integrieren, ist die langwierige, aufwändige Beziehungsarbeit und ein realistischer männlicher Umgang mit dem eigenen Scheitern. Eine positive Männlichkeit kann man eben niemanden in 6 Monaten durch militärischen Drill einhämmern. Doch unsere Gesellschaft glaubt das wohl noch…
Jürgen Krabbe
