in http://www.chrismon.de berichtet die Autorin Christine Holch über einen Mann, der eine Gewaltberatung in Berlin gemacht hat. Hier geht es zum Artikel.
Seminare und Weiterbildung genderorientierte Tätertherapie
Vom Forum Intervention gibt es neue Weiterbildungen zur Gewaltthematik. Das ehemalige Beratungsforum Oelemann wurde verändert und vergrössert. Das neue Institut bietet nun neben der Gewaltberatungsausbildung vier weitere zertifizierte Abschlüsse an. Diese Weiterbildungen qualifizieren zur Täterarbeit und Täterinnenarbeit aund zur Durchführung von Täterprogrammen.
“Häusliche Gewalt: wir holen sie daraus”
Beratungsstelle „Komm An” , Stefan Waschlewski, Dipl. Psychologe
Redebeitrag zur Podiumsdiskussion “Häusliche Gewalt: wir holen sie daraus”
Die oft gestellte Frage, warum schlagen Männer ihre Partnerinnen, warum tun sie ihnen das an, ist einfacher zu beantworten, wenn man diese Frage umformuliert:
Wozu dient gewalttätigen Männer eigentlich ihre Gewalt, welche Vorteile haben Sie davon?
Oft liegen zunächst einmal die Nachteile auf der Hand: Mögliche strafrechtliche Konsequenzen – Beziehungsabbrüche – Schwierigkeiten mit dem eigenen Selbstbild usw. Männer zerschlagen häufig das, was sie sich am meisten wünschen, nämlich Nähe und Idylle in der Partnerschaft. Was sind also die Vorteile ihrer Gewalt?
Um das zu verstehen, ist es hilfreich, sich einmal beispielhaft anzugucken, wie der so genannte Gewaltkreislauf abläuft. Ein Mann berichtete über eine seiner ersten Gewalttaten gegenüber seiner Frau: Er war mit ihr auf einer Fete eingeladen und nach kurzer Zeit entschied die Frau dieFeier zu verlassen, um mit ein paar Freundinnen in eine Kneipe zu gehen. Er versuchte sie zu überreden bei ihm zu bleiben, aber ohne Erfolg. Als sie weg war, wurde er von mehreren Bekannten angesprochen, was denn los sei und der Verdacht stand im Raum, seine Frau könne einen anderen Mann in der Kneipe treffen.
Nachdem der Mann einige Zeit so getan hat, als wäre es ihm egal, verließ er dann ebenfalls die Feier und klapperte die Kneipen in der Umgebung ab. Als er durch das Fenster einer Kneipe seine Frau in den Armen eines anderen Mannes liegen sah, ging er in die Kneipe auf seine Frau zu und stellte die Frage, was das solle.
Darauf fing die Frau an, ihn zu beleidigen und gab ihm den Rat, er solle sie in Ruhe lassen. Schließlich schlug der Mann seine Frau mehrfach ins Gesicht und wurde von anderen Männern schließlich zurückgehalten. Anschließend verließ er die Kneipe und ging nach Hause. Am nächsten Tag nahm er Kontakt mit seiner Frau auf und entschuldigte sich bei ihr mit einem Strauß Blumen.
Gesprochen über diesen Abend haben die beiden nie. Das Thema Gewalt wurde verschwiegen. In Zukunft nahm die Häufigkeit der Gewalttätigkeiten bei Konflikten und Auseinandersetzungen zu. Nach der Gewalt kam es immer zum Blumenstrauß und zum Schweigen.
Die Frage, wie es ihm eigentlich in den einzelnen Sequenzen ging, kann der Mann zunächst nur sehr grob beantworten: gut oder schlecht. Eine differenzierte Gefühlswahrnehmung gilt es in der Beratung oft erst zu entwickeln. Als wir schrittweise die Handlungsabläufe des Gewaltkreislaufs durch die emotionalen Befindlichkeiten ergänzt haben, wurde etwas deutlich, was in allen Gewaltkreisläufen ähnlich ist. Als der Mann erfuhr, dass seine Frau die Fete verlassen will, war er besorgt um seine Beziehung. Außerdem war er enttäuscht, weil er sich auf den gemeinsamen Abend gefreut hat. Ja er war sogar mehr als enttäuscht, nämlich richtig traurig.
Als er dann das Gespräch mit ihr suchte und merkte, dass er sie nicht zum Bleiben animieren konnte, fühlte er sich hilflos. An dem Tag selber, merkte der Mann seine Hilflosigkeit, Enttäuschung, Trauer und Angst selber gar nicht richtig, hätte man ihn gefragt, wie es ihm geht, hätte er geantwortet: “Scheiße.”
Folgerichtig hat er diese Gefühle nicht in Kontakt gebracht, weder gegenüber seiner Frau noch gegenüber seinen Bekannten. Auf der Suche nach ihr verstärkten sich diese Gefühle. Als er seine Frau entdeckte, maximierte sich seine Angst und seine Hilflosigkeit. Hätte man ihn gefragt, wie es ihm geht, hätte er wütend gesagt.
Natürlich waren Ärger und Wut im ganzen Verlauf auch präsent, aber prinzipiell als sekundäre Gefühle, die sich über die primären Gefühle Angst, Enttäuschung, Trauer und Hilflosigkeit legen. In dem Moment als er zuschlägt, merkt der Mann alle diese Gefühle nicht mehr. Während des aktiven Schlagens merkt er gar nichts. Kurz danach sind alle beschriebenen Gefühle aber wieder da. Die Angst vor einem Beziehungsabbruch ist größer denn je zuvor und zusätzlich kommt die Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen. Sein Selbstbild („was habe ich da gemacht”) ist ebenfalls angeknackst.
Zurück zu der Frage, welchen Vorteil haben gewalttätige Männer durch ihre Gewalt?
Es geht prinzipiell immer darum, dass sie bestimmte Gefühle nicht zu sich nehmen wollen.
Gefühle die sie als schwach bewerten bzw. die sie selbst für den Fall, dass sie sich so fühlen würden als schwach dastehen lassen. Im Gewaltkreislauf wird deutlich, dass diese Gefühle sich immer mehr verstärken. Die Gewalttat dient dann dazu, diese Gefühle nicht mehr haben zu müssen (oft formuliertes Zitat: durch Täter:
„Als ich zuschlug, war der Druck erst mal weg.“
Wenn ein Mann zuschlägt, merkt er in dem Moment gar nichts und darin liegt der Vorteil, denn er muss sich für einen Moment nicht mit Hilflosigkeit, Angst o. ä.Gefühlen auseinandersetzen. Er kompensiert sie durch Gewalt. Das Ganze hat nur ein Problem. Direkt nach der Gewalttat sind alle Gefühle wieder da und in der Regel kommen weitere unangenehme Gefühle (Beziehungsverlust-Angst, Angst vor Strafjustiz) hinzu.
Das Entschuldigen und Schweigen darüber hat ebenfalls die Funktion, eine emotionale Auseinandersetzung darüber zu vermeiden. Die Opfer sind aus Angst oft froh, dass es erst mal vorbei ist und der Täter hat kein Interesse, sich mit der schamvollen Seite seines Handelns auseinander zu setzen. Beim nächsten Konflikt beginnt dann möglicherweise alles von vorne. Wird dem Täter in der Beratung diese Dynamik klar, ist es häufig möglich, ihn darüber zu motivieren, seine Gewalt zu beenden, denn es wird ihm schnell deutlich, dass die Nachteile deutlich überwiegen und die Vorteile zeitlich sehr begrenzt sind. Ein Grund, warum die Beratungsstellen Männer gegen Männergewalt® und die Beratungsstelle Komm An nicht davon ausgeht, dass gewalttätige Männer nur über Zwang zu „motivieren” sind, in Beratung oder Therapie von ihrer Gewalt wegzukommen.
Die Entscheidung, die jeder Mann in der Beratung irgendwann treffen muss, ist die, ob er das in ihm gewachsene Männerbild (ein Mann muss immer stark sein, seineProbleme selber lösen, darf nicht weinen….) verändern will oder nicht. Allein anhand dieser Frage wird deutlich, dass Männergewalt einen sozialisationsbedingten Hintergrund hat. Schon mit der Schwangerschaft beginnt das Geschlecht des Babys zu einer bedeutsamen Frage zu werden.
Eine Studie verdeutlicht, wie sehr das Geschlecht schon in frühen Jahren eine Rolle dabei spielt, mit welchen Attributen ein Kind belegt wird.
Probanden wurden zu einem Versuch eingeladen. Man erzählte ihnen, sie mögen im Wartezimmer warten, da der Versuchsleiter noch im Stau steht. Im Wartezimmer waren sie dann alleine mit einem Baby , das angeblich zu der Sekretärin gehörte. Die Sekretärin bat die Leute ein Auge auf das Kind zu haben, da sie noch etwas im Keller erledigen müsse. Hier lief der eigentliche Versuch bereits. Es wurde aufgenommen, was die Leute zudem Baby sagten und wie sie sich ihm gegenüber verhielten.
Es gab zwei Versuchsanordnungen: Für den einen Teil der Probanden hatte das Baby einen rosa Strampler an und für den anderen einen blauen. Das Baby war immer dasselbe Kind. Während das Baby in blau aufgrund seiner kräftigen Stimme und des schon starken Händedrucks und kräftigen Aussehens auffiel, waren es bei dem Baby in rosa die süßen zarten Händchen, die leise Stimme und überhaupt die ganze Zierlichkeit, die Bedeutung hatten. Schon früh werden Jungen und Mädchen mit bestimmten Attributen belegt. Betrachtet man, wie Jungen groß werden, fällt auf, dass häufig lebbare Männerbilder fehlen.
Viele Jungen wachsen ohne Vater auf. Andere wachsen mit Vätern auf, die sie nur am Wochenende erleben, die aber im Alltag nicht wirklich präsent sind, schon gar nicht emotional. Die wichtigste Person in den ersten 3 Lebensjahren ist in der Regel die Mutter. Ab dem zweiten Lebensjahr spätestens ist Jungen aber klar, sie werden mal ein Mann und keine Frau. Während sie von der Lebenswelt von Männern nicht viel mitbekommen, kriegen sie aber ihre Mütter mit, häufig sehr emotional: genervt,verzweifelt, umsorgend, zärtlich…
Was jetzt häufig beginnt, ist die so genannte “Abgrenzungssozialisation”.
Wenn ich nicht weiß, wie ich als Mann werden muss, werde ich also das Gegenteil von einer Frau. Im Kindergarten und in der Grundschule warten dann in der Regel Erzieherinnen und Lehrerinnen auf die Jungen.
Erst mit den weiterführenden Schulen tauchen hier und da Männer auf. In den Jungen wächst das Bild, anders als Mädchen und Frauen sein zu müssen. Cool, stark, Probleme alleine lösend (wie oft erleben sie es, dass sie den ganzen Tag Stress mit der Mutter haben und der Vater entscheidet abends nach seiner Rückkehr von der Arbeit, welche Konsequenzen das zur Folge hat: während Mama stundenlang das Problem nicht wirklich löst, kommt Papa und präsentiert innerhalbvon zwei Minuten die Lösung.) usw. .
Dahinter steckt oft eine große Not – nämlich mehrmals am Tag die Frage, wie muss ich mich eigentlich als richtiger Junge verhalten? Natürlich ist es nicht so, dass diese Art der Jungensozialisation automatisch gewalttätige Männer heranzieht, aber sie spielt bei gewalttätigen Männern eine große Bedeutung.
Denn häufig erleben die sich in einer der oben beschriebenen Sackgassen. Mit diesem Wissen wird auch deutlich, warum es wichtig ist, dass in der klassischen Gewaltberatung wir nicht von Psychologe oder Sozialarbeiter zu Klienten arbeiten, sondern von Männern zu Männern, die einen Zugang zu ihrem eigenen Junge-Sein haben. So merken die Klienten, dass wir wissen wovon wir reden und dass wir vieles vondem kennen, was ihre Geschichte prägt.
So habe ich in aller Kürze zu drei wesentlichen Aspekten, die die Arbeit von Männergegen Männergewalt® und der Beratungsstelle Komm An beschreiben Stellung genommen:
• Primäre Motivation von Gewalttätern ist möglich.
• Männergewalt hat einen geschlechtsspezifischen Aspekt: von daher ist es wichtig, dass Männer mit gewalttätigen Männern arbeiten
• Männergewalt hat einen sozialisationsbedingten Hintergrund.
Wer Interesse hat, die angesprochenen Themen zu vertiefen, dem seien noch zwei Bücher empfohlen, die Joachim Lempert und Burkhard Oelemann geschrieben haben: Endlich selbstbewusst und stark (Schwerpunkt Jungensozialisation) – Ole VerlagHamburg …dann habe ich zugeschlagen. (Schwerpunkt gewalttätige Männer). – DTV. Einiges von dem, was ich hier dargestellt habe, lässt sich anhand dieser Bücher nochvertiefen. Ich danke ihnen für ihre Aufmerksamkeit.
Stefan Waschlewski, geb. 1970 in Wuppertal, verheiratet, ein Sohn und eine Tochter, Diplom-Psychologe, Gewaltberater / -pädagoge©, in Ausbildung zum Systemischen Familientherapeuten (Institut Weinheim),Vorstandsmitglied bei Männer gegen Männergewalt Ruhrgebiet®, seit 2000 Leiter derBeratungsstelle Komm An (Beratungsstelle für gewalttätige Jungen und Männer und derenFamilien) des Evangelischen Verein für Kinder-, Jugend- und Familienhilfe (KJFH) in Wuppertal. Arbeitet dort u.a. mit körperlich und sexualisiert gewalttätigen Jungen und Männern im ambulanten und im stationären Kontext. Zuvor in der Zeit von 1997 – 2000 beteiligt am Aufbau des ambulanten Behandlungsprojekts „Rückfallvorbeugung für sexualisiert gewalttätige Kinder und Jugendliche” bei der Beratungsstelle Neue Wege – Bochum, dort neben der Beratung von sexualisiert gewalttätigen Jungen verantwortlich für die Diagnostik der sexualisiert gewalttätigen Jungen. Veröffentlichung einer Vergleichsstudie zwischen sexualisiert gewalttätigen Jungen und unauffälligen Jungen im Alter von 11 – 17 Jahren.Mitherausgeber des MSI-J (Multiphasic Sex Inventory = Testverfahren für sexualisiert gewalttätige Jungen von 14 bis 18 Jahren).
Beratungsstellen für Selbstmelder(innen)
Weit mehr Menschen, die zuhause oder sonstwo gewalttätig sind, bemühen sich selbst um Veränderung Ihres Verhaltens, als allgemein angenommen wird.
Deshalb haben wir bereits vor annähernd 20 Jahren das Angebot der Gewaltberatung entwickelt.
Gewaltberatung und Gewaltberater (Innen) in Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxembourg:
ein Verzeichnis aller Beratungssstellen.
Natürlich arbeiten wir mit Allen, die sich verändern wollen, also auch mit zugewiesenen Tätern.
Jedoch stellen wir in der Regel keinerlei Bescheinigungen aus, da wir nicht nach den Maßstäben der Justiz (also mit Druck, Strafandrohung und Kontrolle), sondern nach den Regeln einer professionellen und klientengerechten therapeutischen Beratung arbeiten.
Das bedeutet nicht, dass wir uns etwa gegen eine Bestrafung von Gewalttaten aussprechen, eher im Gegenteil. Wir halten Gesetze für notwendig und sinnhaft, weil sie eben auch präventiv wirken.
Doch niemand bessert sich, weil er bestraft wird. Deshalb sind niedrigschwellige Angebote notwendig, die zur Verhaltensveränderung führen. Genau hier setzt unser Angebot an.
Wir plädieren für eine sinnvolle Trennung zwischen juristischen Sanktionen einerseits und verändernder Beratung und Therapie andererseits.

